Neulich war ich in der Stuttgarter Markthalle, eigentlich ohne viel nachzudenken. Ich wollte nur schnell etwas Gesundes holen, ein bisschen Gemüse, vielleicht ein paar Kräuter, nichts Besonderes.
Bei meiner Gemüsehändlerin bin ich wie immer kurz stehen geblieben. Sie kennt mich schon lange. Mit einem Lächeln hielt sie mir ein kleines Stück Schokolade hin und sagte, ich solle sie unbedingt probieren, sie sei mit Rosmarin gemacht und sie wäre gespannt, was ich dazu sage.
Ich wollte die Schokolade gar nicht. In dem Moment hatte ich überhaupt keine Lust darauf. Aber einfach ablehnen fühlt sich dann doch irgendwie unhöflich an, also habe ich sie genommen.
Und dann stand ich da, mit der Schokolade in der einen Hand und einem Bund frischer Kräuter in der anderen, und mir wurde klar, dass das eigentlich gar nicht zu dem passte, was ich vor ein paar Minuten noch vorhatte.
Dieser Moment war nichts Besonderes. Und genau deshalb ist er mir im Kopf geblieben. Weil er so alltäglich ist.
Warum wir oft essen, ohne es zu wollen
Später habe ich noch länger darüber nachgedacht. Nicht über die Schokolade selbst, sondern darüber, wie schnell so etwas passiert und wie wenig bewusst wir oft essen. Man nimmt sich etwas vor, manchmal ganz bewusst, und kurze Zeit später macht man etwas ganz anderes, ohne es wirklich zu entscheiden.
Es ist kein großer Bruch, nichts Dramatisches. Es ist eher ein leises Abweichen. Etwas, das einfach passiert, während man mit etwas anderem beschäftigt ist.
Vielleicht ist genau das der Punkt, der so oft übersehen wird.
Wir denken meistens, dass unser Essverhalten eine bewusste Entscheidung ist. Dass wir uns für oder gegen etwas entscheiden, dass wir Kontrolle haben oder sie verlieren. Aber viele dieser kleinen Momente entstehen gar nicht auf dieser Ebene.
Sie passieren dazwischen. Zwischen zwei Gedanken. Zwischen einem Gespräch und dem nächsten Schritt. Zwischen dem, was man eigentlich wollte, und dem, was gerade angeboten wird.
Wenn ich ehrlich bin, kenne ich diese Situationen gut. Nicht nur in der Markthalle. Auch zu Hause, unterwegs, zwischendurch. Es sind oft genau die Momente, in denen man nicht wirklich bei sich ist. Man ist müde, abgelenkt oder einfach im Alltag drin, und genau dann passieren diese kleinen Entscheidungen, die sich im Nachhinein gar nicht wie Entscheidungen anfühlen.
Und weil sie so unscheinbar sind, fallen sie kaum auf. Man merkt nicht, wie oft sie passieren. Man zählt sie nicht.
Man erinnert sich kaum daran, aber sie summieren sich. Vielleicht liegt genau darin ein Teil des Problems.
Nicht darin, dass man „falsch isst“, sondern darin, dass vieles gar nicht bewusst passiert. Dass man selten innehält und sich fragt, was man gerade eigentlich tut. Nicht im Sinne von Kontrolle oder Verzicht, sondern einfach, um es überhaupt wahrzunehmen.
Mir ist in diesem Moment in der Markthalle klar geworden, dass es oft gar nicht um das Essen selbst geht, sondern um diese kurzen Augenblicke davor.
Die sind so klein, dass man sie leicht übersieht, aber genau dort entscheidet sich oft, was danach passiert. Man greift zu, weil es gerade passt, weil es angeboten wird oder weil es einfacher ist, Ja zu sagen als Nein. Und nicht, weil man es wirklich wollte.
Wenn man anfängt, diese Momente wahrzunehmen, verändert sich etwas. Nicht sofort und ganz sicher auch nicht perfekt, aber nach und nach wird einem klar, wie oft man Dinge einfach nebenbei macht. Und genau dieses Wahrnehmen schafft überhaupt erst die Möglichkeit, etwas anders zu machen.
Ich glaube, wir überschätzen oft die großen Entscheidungen und unterschätzen die kleinen.
Wir denken, Veränderung entsteht durch Pläne, durch Disziplin, durch klare Vorsätze. Aber vielleicht beginnt sie viel früher, in diesen unscheinbaren Situationen, die kaum auffallen. Dort, wo man kurz innehält oder eben nicht.
Dieser Moment in der Markthalle hat nichts an meinem Leben verändert. Ich habe die Schokolade gegessen, und es war auch völlig in Ordnung.
Aber er hat mir etwas gezeigt. Nicht über Ernährung, sondern darüber, wie wir im Alltag funktionieren. Und vielleicht ist genau das der Anfang. Nicht, etwas sofort anders zu machen, sondern überhaupt erst zu sehen, was passiert.
Und manchmal reicht genau das schon aus, damit sich etwas verschiebt. Irgendwo zwischen einem Stück Schokolade, das man eigentlich gar nicht wollte, und einem Bund frischer Kräuter.